IHR SCHICKSAL VERWALTE ICH

Vorwort

Sie kennen mich noch nicht – aber eines Tages werden Sie mich vielleicht kennen lernen, mich oder einen meiner Kollegen. Man bezeichnet uns als Berufsbetreuer, aber das wird Ihnen nicht viel sagen. Betreuung im eigentlichen Sinne des Wortes – also Pflegen, Waschen, Nahrung anreichen, Gesellschaft leisten, Rollstuhl schieben oder Besorgungen erledigen – das alles ist nicht unsere Aufgabe. Jene, die früher unseren Job machten, nannte man Vormund. Im Grunde sind wir Schicksalsverwalter. Unsere Aufgabe ist es, Menschen, die ihre Angelegenheiten aufgrund von Krankheit oder Behinderung nicht selber regeln können, helfend und unterstützend zur Seite zu stehen, mitunter auch gegen ihren Willen.

„Berufsbetreuer erbringen als Vertrauenspersonen des fürsorgenden Staates auf Grund ihrer besonderen personalen, fachlich-methodischen und rechtlichen Qualifikationen persönlich, eigenverantwortlich und fachlich unabhängig geistig-ideelle Leistungen im gemeinsamen Interesse ihrer Betreuten und dem Allgemeinwohl.“ So steht es im 2003 formulierten Berufsbild.

Schöne Worte, fürwahr. Soweit es um die Fürsorge für uns, die staatlichen Erfüllungsgehilfen, geht, liegt einiges im Argen. Seit einigen Jahren werden wir nicht nach tatsächlichem Aufwand bezahlt, sondern erhalten für jeden Betreuten eine Pauschale. Je mehr Menschen man betreut, desto höher ist das Einkommen. Der einzelne wird damit zum Faktor in einer Kalkulation, an dem so weit wie möglich gespart werden muss, damit es sich für den, der mit dem Betreuen sein Geld verdient, einigermaßen lohnt.

Sozialabbau an anderen Stellen und die zunehmende Verschärfung der wirtschaftlichen Situation führen zusammen mit der demographischen Umschichtung dazu, dass immer mehr Menschen immer mehr Dinge über den Kopf wachsen. Immer öfter wird eine „Krankheit oder Behinderung im Sinne des Betreuungsrechts“ diagnostiziert. Zwar darf gegen den freien Willen eines Volljährigen kein Betreuer bestellt werden, aber wessen Wille ist schon gänzlich frei und wer stellt das gegebenenfalls fest? Wenn die Betreuungszahlen steigen, erhöhen sich auch die Kosten. Zwangsläufig müssen weitere Sparmaßnahmen her, und dann sollen noch mehr Menschen für möglichst noch weniger Geld als bisher betreut werden.

Natürlich gibt es immer wieder Betreuer, die unrühmlich auffallen. Die wird es auch immer geben. Jede Branche hat ihre schwarzen Schafe. Die Wertschätzung für uns, die Betreuer - falls es sie je gab - ist im Zuge verschiedener Reformen irgendwo auf der Strecke geblieben.

Man wird Ihnen sagen, Sie können es verhindern, mir oder meinesgleichen zu begegnen, wenn Sie rechtzeitig Vorsorge treffen. Mit einer Vorsorgevollmacht können Sie nämlich eine Person Ihres Vertrauens bevollmächtigen, Ihre Angelegenheiten in Ihrem Sinne zu regeln, wenn Sie es selbst nicht mehr können.

Aber wenn Sie Pech haben, dann geht es Ihnen wie Frau Demut. Die lernte ihren Bevollmächtigten erst richtig kennen, als dank und aufgrund seines zweijährigen Wirkens ihr inzwischen überschuldetes Eigenheim zum Verkauf stand, Ersparnisse im sechsstelligen Bereich verschwunden waren und sie bei den Nachbarn um Essen betteln musste. Dafür bekam er dann zwei Jahre auf Bewährung, denn – so meinte das Gericht – im Grunde hat sie es ja selbst so gewollt.

Und siehe da, schon sind wir mitten im Thema. Also: auf geht’s.