IHR SCHICKSAL VERWALTE ICH

Auszug aus Kapitel III

Die Wahl der Bezeichnung "Betreuung" für das, was an die Stelle der früheren Vormundschaften trat, kann zumindest unter dem Aspekt einer verhinderten Sprachvergewaltigung mit einer gewissen Dankbarkeit begrüßt werden. Man stelle sich vor, der Betreute würde, weil man sich für den Begriff Sachwalterschaft entschieden hätte, nun der „Besachwalterte“ genannt, eine Wortschöpfung, wie sie sich in Österreich, wo dieser Begriff Verwendung findet, tatsächlich eingebürgert hat. Nicht zuletzt wegen des phonetischen Wohlklangs aller Ableitungen von dem Wort „Betreuung“ – also Betreuer, Betreuungsumfang, Betreuter, Betreute – nimmt man es hin, dass das gewünschte künftige Nebeneinander von Hilfsbedürftigem und Helfer ebenso wenig durch klingt wie der treuhänderische Aspekt der Interessenwahrnehmung, der in der Bundestagsdebatte so lobend erwähnt worden war.

Betreuer“ als Bezeichnung für jemanden, der eigentlich nur organisieren soll, erweist sich in der Folgezeit schon deshalb als Kunstgriff, weil wegen aller auftretenden Missstände verbal auf jene eingeprügelt werden kann, an die nun Erwartungen gerichtet werden, die sie nach den Intentionen des Gesetzgebers nie erfüllen sollten. Zur Zeit der Vormundschaft hat sicherlich niemand nach mehr Bevormundung gebrüllt. „Betreuung“ suggeriert ein Rundum-Sorglos-Paket, nicht nur für den Hilfebedürftigen. Alle anderen können das eigene soziale Gewissen, das sie zum Tätigwerden veranlassen könnte, damit beruhigen, dass ja eigens ein Betreuer bestellt sei, der sich um alles zu kümmern hat, was zu tun ist – oder genauer gesagt, was nach ihrer Überzeugung getan werden sollte.

Wo nicht man selbst, sondern andere die Erwartungen zu erfüllen haben, sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt.

Angehöriger: „Der Betreuer soll dem Wohl des Betreuten entsprechend, also nach seinen Bedürfnissen handeln. Dazu muss er aber auch erreichbar sein, wenn er gebraucht wird.“

Betreuer: „Und wie definieren Sie diese Bedürfnisse?“

Angehöriger: „Na zum Beispiel, dass er, wenn es ihm schlecht geht, vertraute Menschen um sich hat und nicht in irgendeiner Einrichtung untergebracht wird, wo er keinen kennt.“

Betreuer: „Vertraute Menschen wie zum Beispiel Sie als Angehöriger?“

Angehöriger: „Wieso ich? Sie sind doch der Betreuer. Wenn Sie ihre Pflicht tun und Ihre Betreuten regelmäßig besuchen, dann kennen die Sie auch.“

Betreuer: „Ich bin rechtlicher Betreuer, nicht das soziale Umfeld. Meinen Sie nicht, dass hier in erster Linie die Angehörigen gefragt sind?“

Angehöriger: „Es gibt aber doch auch Leute, die keine Verwandten und Freunde haben oder wo der Kontakt mit der Familie eher schädlich ist.“

Betreuer: „Ja, das ist wirklich traurig.“

Angehöriger: „Eine vertraute Beziehung zu Ihren Betreuten könnte für Sie als Betreuer doch auch eine innere Bereicherung sein, oder geht es Ihnen nur ums Geld?“

Betreuer: „Warum probieren Sie das mit der inneren Bereicherung nicht mal selbst aus?“

Angehöriger: „Nun versuchen Sie doch nicht ständig, von Ihrer Verantwortung abzulenken.“

Betreuer: „Aber Sie schieben mir doch die ganze Zeit die Verantwortung für etwas zu, das gar nicht meine Aufgabe ist.“

Angehöriger: „Ich denke, Sie sind Betreuer?“

Betreuer: „Rechtlicher Betreuer, wie ich schon sagte. Und ich kann nicht rund um die Uhr im Einsatz sein.“

Angehöriger: „Ich weiß ja, dass in vielen Berufen Dienst nach Vorschrift gemacht wird, aber doch nicht, wo es um hilfsbedürftige Menschen geht.“

Betreuer: „Meinen Sie nicht, dass auch Betreuer ein Recht auf Feierabend und freies Wochenende haben?“

Angehöriger: „Na, es ist doch wohl klar, dass im Notfall private Interessen zurücktreten müssen. Ich vertrete hier ganz klar die Position der Hilfsbedürftigen.“

Betreuer: „Ja aber offensichtlich auf meine Kosten. Ich soll das leisten, was Sie für notwendig halten.“

Angehöriger: „Na, wenn es Ihnen nur ums Geld geht, dann können Sie ja auch gleich eine Bank überfallen. Aber natürlich ist es ehrenwerter, Kranke und Behinderte abzuzocken.“

Genau so hat dieses Gespräch natürlich nicht stattgefunden. Aber das sind die Erwartungen, die dem Betreuer immer wieder entgegen schlagen. Die Berufswahl verpflichtet gewissermaßen zum Einsatz rund um die Uhr, und die Forderung nach angemessener Bezahlung ist irgendwie unanständig.

Auszug aus Kapitel X

Monatelang muss Herr Alberti vor allem deshalb in der Psychiatrie bleiben, weil er weder eine Wohnung noch familiäre Anbindung hat. Ein ungeklärter Aufenthaltsstatus macht es fast unmöglich, eine Behörde zu finden, die die Kosten für den Lebensunterhalt übernimmt. Noch zahlt die Krankenkasse die Unterkunft in der Psychiatrie. Mehrere in ihrer Ernsthaftigkeit nicht ganz einzuschätzende Selbstmordversuche – etwa durch das Verschlucken einer Handvoll Münzen – haben die Entscheidung erleichtert. Jetzt soll aber ein etwas dauerhafterer Platz gesucht werden.

Das Angebot ist nicht eben üppig. Es gibt diverse Betreiber und unterschiedliche Zuständigkeiten. Manche Heime setzen bestimmte Erkrankungen voraus, andere lehnen Interessenten mit bestimmten Defiziten grundsätzlich ab. Es gibt Altersbegrenzungen nach oben und unten, und die meisten setzen auf Freiwilligkeit und einen gewissen Willen zum sozialen Miteinander.

Die niederschwelligen Angebote, oberhalb des Niveaus der Hotels, aber ohne strukturierte Tagesabläufe, sind besonders dünn gesät. Obwohl Treffen mit Herrn Alberti recht schwierig sind, weil er keine Minute still sitzt, erkläre ich mich bereit, mit ihm gemeinsam ein Wohnheim zu besichtigen.

Betreuerin: „Also ich erkläre Ihnen das noch mal, wir besuchen jetzt eine Einrichtung, wo Sie eventuell einziehen können. Heute ist das aber nur ein Orientierungsgespräch.“

Herr Alberti: „Wann kann ich da einziehen?“

Betreuerin: „Na, zunächst müssen Sie ja sehen, ob es Ihnen überhaupt gefällt, und ob die Mitarbeiter glauben, dass Sie dort reinpassen.“

Herr Alberti: „Ich brauche aber Zimmer.“

Betreuerin: „Ja, deshalb schauen wir uns das ja heute an. Wir können uns danach auch noch andere Wohnheime ansehen.“

Herr Alberti: „Ich will aber nicht mehr in der Klinik bleiben.“

Betreuerin: „Ja, das kann ich verstehen, deshalb fahren wir ja da hin, um uns das Wohnheim anzusehen.“

Nach der Ankunft werden wir in den Aufenthaltsheim geführt. Kaum haben wir Platz genommen, geht das Gespräch weiter:

Herr Alberti: „Hier gefällt es mir. Fragen Sie mal, ob ich gleich da bleiben kann.“

Betreuerin: „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir uns heute erst mal informieren.“

Herr Alberti: (insistiert) „Fragen Sie, ob die einen Platz frei haben.“

Betreuerin: „Auch wenn die einen Platz frei haben, bekommt den zuerst jemand, der sich schon beworben hat und alle Unterlagen vorgelegt hat.“ (Zu den Gesprächspartnern) „Herrn Alberti gefällt es hier sehr gut, er würde am liebsten direkt einziehen.“

Gesprächspartner: „Zur Zeit ist kein Zimmer frei, aber wir könnten uns schon vorstellen, ihn aufzunehmen. Zu allererst brauchen wir da einen Hilfeplan. …“

Herr Alberti: (steht auf) „Ich geh jetzt, ich komm wieder, wenn ein Zimmer frei ist.“

Betreuerin: „Bitte setzen Sie sich wieder, wir müssen besprechen, wie wir weiter vorgehen, wer der Kostenträger ist, welche Formulare wir ausfüllen müssen usw.“

Herr Alberti: „Warum sind Sie böse auf mich?“

Betreuerin: „Ich bin nicht böse auf Sie, ich versuche Ihnen zu erklären, dass es hier Regeln gibt, die eingehalten werden müssen.“

Herr Alberti: „Ist doch kein Zimmer frei, mach ich, wenn Zimmer frei ist.“

Betreuerin: „Ich erkläre es Ihnen noch mal, wir müssen zunächst ihre Anmeldeunterlagen zusammentragen und einreichen, damit Sie zuerst auf eine Warteliste kommen, und da müssen wir besprechen, was gebraucht wird.“

Herr Alberti: „Aber ist doch jetzt kein Zimmer frei.“

Betreuerin: „Solange Sie nicht auf der Warteliste stehen, werden Sie nie ein freies Zimmer bekommen, und auf die Warteliste kommen Sie erst, wenn Ihre Bewerbungsunterlagen vorliegen.“

Herr Alberti: „Aber der hat doch vorhin gesagt, ich kann hier einziehen.“

Betreuerin: „Aber erst, nachdem Sie sich beworben haben, Ihre Bewerbung akzeptiert worden ist, Sie auf die Warteliste aufgenommen worden sind und an die erste Stelle gerückt sind, wenn das nächste Zimmer frei wird.“

Herr Alberti: „Warum sind Sie denn böse auf mich?“

Betreuerin: „Ich bin doch nicht böse auf Sie, wenn ich Ihnen sage, welche Regeln gelten.“

Herr Alberti: „Ja, aber mach ich doch alles, wenn Zimmer frei ist, ist doch jetzt kein Zimmer frei. Komm ich wieder, wenn Zimmer frei ist …“

Den nächsten Termin zur Wohnplatzsuche übernimmt dankenswerterweise eine Sozialarbeiterin der Klinik. Die hat danach ebenfalls den Eindruck, dass eine Einbindung des Betreuten in eine Wohngruppe mit wechselseitigen Rechten und Pflichten kaum möglich sein wird, weil ihn allenfalls die Rechte interessieren werden. Die Unfähigkeit, Regeln zu akzeptieren und die Bedürfnisse anderer zu sehen, ist unübersehbar.